Ich schreibe diesen Text, weil mir etwas am Herzen liegt: Ich möchte Verständnis dafür schaffen, was ein Sicherheitstraining wirklich bedeutet. Und was es, meiner Meinung nach, nicht sein sollte. Meine grösste Freude als Gleitschirm Fluglehrer ist es, Fortschritte zu beobachten. Das muss kein riesiger Sprung sein. Ein minimaler Zuwachs im motorischen Können, ein neu gewonnenes Stück theoretisches Wissen oder ein emotionaler Schritt in Richtung mehr Flugfreude, das sind die Momente, für die ich diese Aufgabe liebe.
Über die Jahre habe ich einen tiefen Einblick in die Erwartungen und Ängste der Piloten gewonnen. Und ein klares Bild davon entwickelt, was geschehen muss, damit ein Training wirklich nachhaltig wirkt.
Zu Beginn jedes Trainings frage ich die Teilnehmenden, was sie sich erhoffen und was sie beschäftigt. Die Ziele, die dabei am häufigsten genannt werden, sind:
Und wenn ich nach den Erwartungen und inneren Themen frage, höre ich vor allem:
Diese Antworten sind völlig legitim. Sie zeigen, dass die Pilot:innen mit einem echten Anliegen kommen und das ist eine gute Basis.
Das klingt simpel, ist aber der Kern von allem: Ein Pilot soll zu jedem Zeitpunkt in voller Kontrolle seiner Bewegungen und Erlebnisse sein. Der Schirm wird geflogen und nicht umgekehrt. Wenn wir in einem Training Notschirmabgänge erleben oder unkontrollierte Zustände entstehen, dann haben wir als Trainer und Trainee gemeinsam eine Grenze überschritten, die wir nicht hätten überschreiten sollen. Was bleibt, ist Schrecken aber kein umfassendes nachhaltiges Lernen. Schlimmer noch: Solche Erlebnisse können bei manchen Pilot:innen die Freude am Fliegen dauerhaft trüben.
Was ich mir stattdessen für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer wünsche: mehr Kapazität. Kapazität in der Körperwahrnehmung. Kapazität in der Bewegung. Kapazität im Kopf, egal auf welchem Niveau. Dieses Mehr an Kapazität schafft ein Verständnis für die eigenen Grenzen und legt die Basis für echtes, anhaltendes Wachstum.
Letztlich soll ein Sicherheitstraining die Freude am Fliegen fördern und Demut erzeugen. Die Demut, sich innerhalb der eigenen Grenzen zu bewegen, Risiken bewusst zu wählen und zu wissen: Ich bin bereit für das, was ich tue.
Kapazität entsteht aus Entspannung. Nur wenn wir entspannt sind, können wir unser volles kognitives Potential nutzen. Lernen hingegen findet in einem schmalen Korridor statt: ein wenig angespannt, aber noch klar denkend. Fokussiert. In der Lage, eine Situation vollständig wahrzunehmen und zu verarbeiten.
Deshalb versuchen wir in denTrainings alles, was um uns und mit uns passiert, im kontrollierbaren Bereich zu halten. Konkret bedeutet das: Lieber ein Manöver viele Male entspannt und kontrolliert fliegen als ein einziges raues Erlebnis, bei dem der Schirm die Regie übernimmt. Langsam, repetitiv und ganz knapp über der Komfortzone ist nachhaltiger und am Ende sogar schneller als zu viel und zu früh.
«Weniger ist immer mehr. Ein kontrollierter Babyschritt bringt dich weiter als ein Riesenschritt im Chaos.»
Weshalb machst du ein Sicherheitstraining? Was soll es beinhalten und wie möchtest du lernen?
Findest du einen kleinen, bewussten Schritt vorwärts spannend? Im Wissen, dass sich dieser Schritt mit der Zeit zu einer soliden Basis entwickelt, von der aus du sicher weiter wachsen kannst? Oder steht das Adrenalin im Vordergrund, das Erleben des Extremen über dem Wasser?
Beides ist möglich. Wichtig ist dabei nur eines: Lehne dich nicht zu weit aus dem Fenster. Bewege dich innerhalb deiner eigenen momentanen Kapazitäten um diese Schritt für Schritt vergrössern zu können. Das ist der Unterschied zwischen einem Training, das dich als Pilot:in wirklich weiterbringt, und einem, das bloss ein Erlebnis hinterlässt.
Wir vom paraworld.ch Siku-Team freuen uns darauf, gemeinsam mit dir herauszufinden, wo du stehst und deine nächsten Schritte zu begleiten.
Ueli