Orientierung beim Gleitschirmfliegen
Die wichtigste Fähigkeit und auch der unterschätzte Lebensretter
Fliegen bedeutet Freiheit und intensive Erlebnisse in der Bewegung im Raum. Ob beim Gleitschirmfliegen, im täglichen Berufverkehr oder ganz grundsätzlich im Leben: Die Fähigkeit sich in der Bewegung im Raum zurechtzufinden ist dabei zentral.
Gerade weil es so zentral und alltäglich ist, wird diese Fähigkeit nicht als das was sie ist wahrgenommen. Nämlich als ein Können, das man gezielt trainieren kann.
Viele kritische Situationen entstehen nicht durch Materialfehler oder schlechtes Wetter, sondern weil Pilotinnen und Piloten sich nicht angepasst im Raum orientieren. Und das beginnt schon am Boden – etwa beim ungünstigen Auslegen am Startplatz oder wenn der Schirm mal ungewollt gegen ein Hinderniss dreht.
Der schwierigste Skill im Sicherheitstraining
Im Sicherheitstraining lernen Teilnehmende, wie man auf Klapper, Stall oder Spirale reagiert. Doch die eigentliche Herausforderung ist oft nicht das Manöver selbst – sondern die Orientierung während und danach. Acht von zehn Piloten, auch langjährige, tun sich schwer, nach einer schnelleren Schirmbewegung schnell die räumliche Lage zu erfassen und sich neu und sinnvoll in der Manöverbox zu positionieren.
Ein prägendes Erlebnis
Im Frühling 2001 in Interlaken, bei meinen ersten selbstständigen Flügen, flog ich mit den Testpiloten von Advance im selben Schlauch. Während viele Piloten noch mit der ruppigen Frühlingsluft rangen, nutzte einer von ihnen die Dreh- und Nickbewegung nach einem provozierten Klapper, um in einer einzigen, fliessenden Drehung direkt zurück ins Zentrum der Thermik zu fliegen. Ein Paradebeispiel gelebter Orientierung – und ein Bild, das selbst nach Jahrzehnten noch nachhallt und mir immer als Vorbild diente.
Warum Orientierung beim Gleitschirmfliegen so entscheidend ist
Orientierung bedeutet mehr als nur zu wissen, wo man sich befindet. Es ist die Fähigkeit, den eigenen Körper, den Schirm und das Gelände in Bewegung bewusst wahrzunehmen. Fehlt diese Fähigkeit, folgen oft Fehlentscheidungen: zu spät weg vom Hang, falsche Steuerbewegungen oder gar Starre im Schreckmoment. Schon ein kurzer Tunnelblick kann aus einer brenzligen Situation einen Unfall machen.
Stress macht blind
Unter Stress reagiert unser Gehirn automatisch: der Blick verengt sich, kreative Lösungen sind blockiert. Ungeübte Pilotinnen und Piloten greifen dann auf untrainierte Muster zurück – und steuern unbewusst manchmal genau in Richtung Gefahr.
Orientierung trainieren – die drei Grundsätze
Die gute Nachricht: Orientierung beim Gleitschirmfliegen lässt sich trainieren. Drei einfache Grundsätze helfen, im Ernstfall die richtige Entscheidung zu treffen:
- Immer Richtung freies Gelände – raus aus der Gefahrenzone.
- Immer gegen den Wind – für weniger Geschwindigkeit gegenüber dem Boden.
- Immer weg vom Berg – Abstand bedeutet Sicherheit.
Um orientieren bewusst zu üben, eigenen sich alle Manöver, z. B. Wingover, enge Kreise oder Klapper. Entscheidend ist der Fokus: nicht das Manöver selbst ist Zentral, sondern die Fähigkeit, sich innerhalb der Bewegung im Raum nach den obigen Grundsätzen zu orientieren.
Fazit
Orientierung ist ein Kernstück sicherer Fliegerei. Sie schützt nicht nur dich selbst, sondern macht das Fliegen auch zielgerichtet und bringt Kontrolle in die Bewegung. Wer diese Fähigkeit trainiert, bleibt auch in Stressmomenten handlungsfähig. Denn in der Luft - und im Leben - gilt: Wir sind es, die jederzeit wissen müssen, wo wir sind und wohin wir steuern, sonst werden wir gesteuert.
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